Aarons Vermächtnis
Gabriel Lohmann saß in einer Ecke des Zimmers und starrte auf die handbemalte Vase im Regal. Er wusste die Zeichen zu deuten und er wusste, dass es nun, nach dem ersten Stoß, nicht mehr lange dauern würde. Nur zu helfen wusste er sich nicht. Zu oft schon hatte er das seltsame Schauspiel miterlebt, doch jedes Mal spürte er den Hauch von Angst, der sich im Zimmer ausbreitete, als sei es das erste Mal. Dann setzte das Zittern ein…
Ein zunächst unmerkliches Vibrieren, das unbarmherzig anschwoll und die Vase im Regal tänzelnd zum Poltern brachte. Gabriel ließ seinen Blick zu der Van-Gogh-Reproduktion wandern, die über dem Sofa im rahmenlosen Bildhalter hing. Die Farben und Konturen der Sonnenblumen schienen plötzlich zu verschwimmen, als der Rahmen von den raschen Vibrationen erfasst wurde. Dann blickte Gabriel zum Aschenbecher auf dem Tisch, der, als wäre dies sein Startsignal, nervös zu klappern begann. Er lenkte seinen Blick zur Schrankwand, wo das Geschirr in den Schränken polterte, schließlich schaute er zur Decke auf, wo die Hängelampe wild an ihrem Kabel zog und zerrte.
Jetzt presste sich Gabriel die Hände auf die Ohren, denn nun würde bald das Klopfen kommen, aus den Wänden, dem Boden und der Tür. Wie erwartet stellte es sich ein. Von überall her, vom dumpfen Pochen bis zum harten Knall, trieb es sich unter Gabriels Schädeldecke, der jetzt die Hände sinken ließ, weil es gleich vorbei sein würde.
Dann war es plötzlich still…
Gabriel steckte sich eine Zigarette an und ließ seine Gedanken treiben. Er dachte an die Uni, die tägliche Hast von Vorlesung zu Vorlesung. Er dachte an die hübsche Bedienung des Studentencafés und ihre unverschämt kurzen Miniröcke, von denen sie eine ansehnliche Sammlung besitzen musste, weil sie jeden Tag ein verlockenderes Modell trug.
Sein Blick klebte an dem ekstatischen Gesichtsausdruck von Jimi Hendrix auf dem Poster, das über der Couch hing, und dabei dachte er mit gemischten Gefühlen an Coras Einladung zu der Party morgen Abend. Einerseits waren ihm derartige Festivitäten zuwider, auch hätte er genug Arbeit auf seinem Schreibtisch liegen. Andererseits war er froh, wieder einmal herauszukommen. Er wusste, dass er nicht vor Mitternacht zurückkehren würde.
Gabriel drückte die Zigarette in den vollen Aschenbecher und ging zu Bett. Wohlwissend, dass er wieder aufwachen würde, schweißgebadet und zitternd. Aber nur ein-, höchstens zweimal. Dann würde er sich an den hageren Mann erinnern, der jede Nacht in seinen Träumen auftauchte. Dessen große hervorstechende Augen ihn hilfesuchend anstarrten. Der mit seinen langen dürren Armen nach Gabriel griff, Nacht für Nacht…
*
»So, so… Sie befassen sich also mit Para…, Para…«
»Parapsychologie!«
»Ja, genau! Also ich glaube ja nicht an diesen Geisterquatsch!«
»Ich auch nicht!«
»Aber sind es denn nicht immer die Parapsychologen, die gleich kommen, wenn einer schreit, dass es bei ihm zu Hause spukt?«
»Die Parapsychologen sind diejenigen, die gerufen werden, wenn jemand derartige Verdächtigungen äußert. Meistens wenn es die Physiker und Psychologen bereits abgelehnt haben, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen.«
Gabriel lauschte der Unterhaltung schon eine ganze Weile. Das Thema versprach zweifelsohne interessant zu werden. Zuvor hatte er sich auf dieser sonst langweiligen Gesellschaft vor eventuellen Diskussionen gedrückt, war von einer leeren Ecke in die andere geflüchtet und hatte sich dabei zu Tode gelangweilt. Er mochte die Leute hier nicht. Die meisten waren arrogante Yuppies, die mit dem dicken Geldbeutel ihrer Eltern angaben. Jetzt aber schlossen sich seine verschwitzten Finger enger um das Weinglas, um so das Zittern seiner Hände zu unterdrücken. Es wurde über Geister gesprochen, über Spuk und wer von den Leuten in der Runde wohl das unheimlichste Erlebnis erzählen konnte. Er sah auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr und dachte daran, dass es in weniger als zwei Stunden bei ihm zu Hause wieder poltern würde.
Ich weiß auch eine unheimliche Geschichte! Ich glaube an Spuk! Jeden Abend spukt es bei mir zu Hause, hätte er am liebsten laut in die Gesellschaft geschrien. Aber wer hätte ihm schon geglaubt?
Der da vielleicht…, dachte Gabriel und blickte zu dem Mann mit der Nickelbrille und den grauen Schläfen, der genauso wenig wie Gabriel in diese Party passte. Es schien, als hätte er eine Ahnung von übernatürlichen Dingen. Er saß nur still da. Anders sein grobschlächtiges Gegenüber, ein Yuppie-Hüne im cremefarbenen Anzug, der ihn mit bohrenden Fragen traktierte, die er sich jedoch gleich selbst mit witzigen Bemerkungen (die eigentlich gar nicht witzig waren) beantwortete. Er schien so eine Art Anführer dieses Neureichen-Vereins zu sein, da alle sofort kicherten, wenn er signalisierte, dass jetzt wieder eine Stelle gekommen war, über die man hätte lachen müssen. Über ein Thema, von dem er offensichtlich nichts verstand.
Nickelbrille hingegen blieb ruhig und lächelte sogar ab und zu, vermutlich aus Mitleid, über seinen Gesprächspartner.
Nachdem man vom Spuk über die Geister, vom Leben nach dem Tod über Reinkarnation schließlich zur Endrunde der Bundesliga gekommen war, stand Nickelbrille auf und ging zur Bar. Gabriel wusste nicht, woher er plötzlich den Mut nahm, aber er folgte dem Mann und tat zunächst, als wolle er ebenfalls sein Glas auffüllen, bevor er seine Angst endgültig beiseite legte…
»Entschuldigen Sie bitte..«
»Ja?« Nickelbrille hatte sich umgedreht und Gabriel glaubte zu spüren, dass dieser Mann misstrauisch geworden und auf der Hut vor weiteren Beleidigungen war.
»Ich habe Ihrem Gespräch gerade eben zugehört…«
»Gespräch?« Nickelbrille begann ungewöhnlich laut zu lachen, sodass sich einige der Gäste umdrehten, was Gabriel weniger passte. »Ein wahrhaft königlicher Titel für diese Farce.«
Gabriel ließ den Kopf sinken.
»Schon gut, mein Lieber. In den letzten 15 Jahren bin ich mehr als einmal belächelt worden. Man gewöhnt sich daran. Was kann ich für Sie tun?«
Gabriel, erstaunt über die plötzliche Herzlichkeit von Nickelbrille, den er um die fünfzig schätzte, gewann an Zutrauen.
»Ich habe gehört, Sie seien Parapsychologe?«
»Ich bin Psychiater! Neben meiner Praxis leite ich eine Arbeitsgemeinschaft, die sich mit parapsychologischer Forschung befasst. In unseren Workshops wird jedoch mehr über Quantenphysik und Systemtheorie diskutiert als über Geister. Begriffe wie okkult, übersinnlich oder gar magisch hört man bei uns nicht mehr!«
»Ich habe nur eine Frage«, und die kostete Gabriels ganze Überwindung. »Gibt es so etwas wie Spuk oder Poltergeister, oder sind die Menschen, die solche Dinge erleben, verrückt?«
»Sicher nicht, junger Freund…« Nickelbrille nippte an seinem Glas. »Hmm.. Es gibt recht gut dokumentierte Fälle von RSPK.«
»Von was?«
»Wiederkehrender spontaner Psychokinese! Das, was landläufig als Spuk bezeichnet wird. Aber diese wirklich spektakulären Fälle, bei denen Glühbirnen zerspringen und Bilder an den Wänden sich um die eigene Achse drehen, wo Gegenstände durch die Luft fliegen und schwere Möbel sich bewegen, sind so selten, dass es nur wenige Wissenschaftler gibt, die so etwas zu Gesicht bekommen, und wenn doch.. dann höchstens einmal im Leben. Dazu kommt, dass Spuk die seltsame Angewohnheit hat, sich der Beobachtung zu entziehen.«
»Wollen Sie mal einen sehen…?«, sagte Gabriel, nachdem er das Glas Whiskey in seiner Hand auf einen Zug geleert hatte.
*
Nickelbrille, der sich später auf dem Weg in Gabriels Wohnung als Dr. Andreas Wandra vorstellte, war nicht schlecht die Kinnlade heruntergeklappt, als Gabriel ihn in sein Geheimnis einweihte. Wandra hatte auf die Uhr gesehen und gemeint, es wäre genau die richtige Zeit, sich gähnend von der langweiligen Gesellschaft zu verdrücken, und setzte augenzwinkernd hinzu, dass es schließlich ein harter Arbeitstag gewesen war. In Wandras Wagen hatte Gabriel, der es immer noch nicht fassen konnte, dass er darüber sprach, ihm alles über sich, seine Träume und das allabendliche Schauspiel in seiner Wohnung erzählt. Wandra wollte alles dreimal und ganz genau wissen. Es schien, als glaubte er dem Jungen. Die Fragen gingen ihm aber auch nicht aus, als sie in Gabriels Wohnzimmer standen…
»Wo beginnt es genau?«
»Mit der Vase und dem Regal dort fängt es an. Dann der Tisch und das Bild da drüben. Zum Schluss poltert es im ganzen Zimmer. Mir ist schleierhaft, warum sich die Nachbarn noch nicht beschwert haben. Vielleicht stellen sie ja ihre Hörgeräte um zehn ab.«
»Es wohnen vorwiegend ältere Menschen im Haus?«
»Ja…« Gabriel sah auf die Uhr. »Es müsste gleich losgehen…«
Wandra betrachtete beharrlich die Gegenstände, auf die Gabriel gezeigt hatte. Das Bild, den Tisch, das Regal und…
»DIE VASE!« rief Wandra erschrocken und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das handbemalte Stück Porzellan, das plötzlich heftig auf dem Bord herumtänzelte. Das Zittern schwoll unmerklich an und schließlich vibrierte das ganze Regal, genau wie Gabriel es vorausgesagt hatte. Blitzschnell wandte er sich um und sah den Tisch, auf dem der Aschenbecher nervös herumpolterte. Dann das Bild, die Lampe, die wild an dem Kabel, an dem sie herunterhing, zog und zerrte. Wandra stützte sich auf eine Stuhllehne, da er befürchtete, den Vibrationen, die nun das ganze Zimmer erfasst hatten, nicht standhalten zu können. Bald hier, bald da schlug, wackelte, polterte es im ganzen Raum. Zwei mächtige Donnerschläge brachten den Spuk schließlich nach einigen Minuten zum Schweigen. Wandra blieb gleich einer Figur aus Madame Toussauds Wachsfigurenkabinett wie angegossen stehen und starrte an die Decke. Gabriel war in der Küche verschwunden und kam mit einer Flasche Cognac wieder, die er auf den Tisch stellte. Er ging zur Vitrine der Schrankwand, nahm mit zittrigen Händen zwei Schwenker heraus und hielt sie prüfend gegen das Licht.
»Und das.. passiert.. jeden Abend?«, stotterte Wandra und versuchte, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Gabriel schenkte mehr als gewöhnlich ein und hielt Wandra ein Glas hin. »Jeden Abend pünktlich um sieben Minuten nach elf!«
Wandra ließ sich in den Sessel sinken, nahm einen Schluck und zupfte nervös am Kragen seines Rollkragenpullovers.
»Wir müssen… zunächst alle normalen Ursachen für dieses Phänomen… ausklammern.« Wandra stellte sein Glas ab, stand wieder auf, zog sein Jackett aus und stakte durch den Raum, die Hände in die Hüften gestemmt.
»Normale Ursachen?« fragte Gabriel.
»Ja.. Ich weiß nicht… Alles Mögliche! Ich…« Wandra registrierte Gabriels vorwurfsvollen Blick, der davon überzeugt zu sein schien, dass dies hier alles andere als normal war. »Ich habe auch keine Erfahrung mit solcherlei Dingen«, verteidigte Wandra sich.
»Wenn nicht Sie, wer dann?« Gabriel dachte nicht daran, seine Enttäuschung zu verbergen.
»Mein Gott, Lohmann. Wir sind froh, wenn wir in unseren Labors geringe Abweichungen in statistischen Experimenten nachweisen können, die auf Psychokinese zurückzuführen sind. So etwas übersteigt alles, was ich… Ach, ich weiß auch nicht, Lohmann!«
»Was gäbe es denn für normale Ursachen?«
»Wenn ich das wüsste…« Wandra setzte seine Nickelbrille auf die Stirn und rieb sich die Druckstellen an seiner Nase. »Es gab zum Beispiel einen Fall, bei dem die Mitglieder einer Familie behaupteten, sie könnten eine Kompassnadel bewegen, wenn sie sich nur einige Zeit darauf konzentrieren würden. Schließlich fand man heraus, dass nicht die Familie für den Ausschlag der Nadel verantwortlich war, sondern die Eisenmasse eines Fahrstuhls, der gleich neben der Wohnung installiert worden war und der im Schnitt alle fünf bis zehn Minuten betätigt wurde.«
»Was?« brach Gabriel hervor, »Sie vergleichen dieses Gewitter in meiner Wohnung mit dem Ausschlag einer Kompassnadel? Hier gibt es weder einen Fahrstuhl noch sonst irgendwelche Anlagen, die so etwas hervorrufen können!«
Wandra traute sich seiner Ratlosigkeit wegen nicht, Gabriel ins Gesicht zu sehen. »Ich werde morgen mit einigen Kollegen wiederkommen… Wenn Sie gestatten!«
»Natürlich…«
»In der Regel hat sich bei solchen Untersuchungen herausgestellt, dass, vorausgesetzt es handelte sich um echten Spuk, immer eine Person im Mittelpunkt des Geschehens steht…«
»Eine Person?«
»Kein Geist! Eine lebende… anwesende Person.« Wandra setzte die Brille wieder auf die Nase. »Und wenn sich herausstellen sollte, dass wir es hier mit etwas Paranormalem zu tun haben, dann gibt es nur eine Person, die im Mittelpunkt des Geschehens steht. Und das sind Sie, Lohmann!«
*
In den folgenden Tagen schleppte Wandra die verschiedensten Leute mit den unterschiedlichsten Geräten in Gabriels Wohnung. Techniker, Mitglieder aus Wandras Arbeitsgruppe - unter ihnen Physiker, Chemiker und Psychologen -, sogar einen Trickexperten vom Film. Jeden Abend stellten sich neue Zuschauer ein, die sich das Schauspiel ansehen wollten. Doch keiner von ihnen fand eine plausible Erklärung. Wandra hatte sich zwischenzeitlich mit Gabriels Vermieter in Verbindung gesetzt und das halbe Haus auf den Kopf gestellt. Gabriel fühlte sich zusehends unwohler in seiner Haut. An das Poltern hatte er sich längst gewöhnt. Es war zu einem unverwüstlichen Übel geworden, das man in Kauf nimmt, so wie eine schimmelige Stelle in der Wand, aus der der Schimmel immer wieder heraustritt, egal wie oft man sie behandelt. Die Zaungäste, die nun alle an Gabriels Privatleben teilhaben wollten, störten ihn weitaus mehr, denn nach und nach interessierten sie sich immer weniger für die Polterei, dafür umso mehr für Gabriel…
»Und wie lange wohnen Sie nun schon hier?« fragte Strasser, ein Kollege Wandras, auf seinen Fragebogen starrend.
»Seit sechs Monaten«, murmelte Gabriel, der ihm gegenüber saß.
»Bitte?«
»Ich beantworte Ihnen diese Fragen schon zum hundertfünfzigsten Mal!«
»Herr Lohmann. Was wir nicht verstehen ist, warum jemand so lange derartige Störungen aushält?«
»Diese derartigen Störungen, lieber Herr Strasser, beginnen kurz nach elf und dauern ca. vier Minuten. Wenn ich nachts über meinen Büchern sitze, ist das genau die richtige Zeit für eine Zigarettenpause. Manchmal gehe ich auch gleich danach ins Bett. Ich kann die Uhr danach stellen!«
»Ist es Ihnen denn nie lästig geworden?«
»Ich sagte Ihnen schon, dass ich anfangs große Angst hatte, dass diese jedoch im Laufe der Zeit immer mehr abnahm! Ich hab mich daran gewöhnt, so, wie man sich an Straßenlärm gewöhnt. Wissen Sie, wie schwer es ist, heutzutage eine erschwingliche Wohnung zu finden?«
»Was ist mit den Träumen, die Sie erwähnt haben?«
»Das mag ein Problem sein, aber ich…«
»Es ist immer dasselbe Muster, nicht? Immer ein Mann, Mitte dreißig, groß, schütteres Haar, hasserfüllter Gesichtsausdruck…«
»Aaron Vladeck!«
Gabriel und der neugierige Strasser schreckten hoch, als Wandra sich überraschend in das Verhör eingemischt hatte. Er streifte sich den schwarzen Lodenmantel ab und warf ihn über die Lehne des Sessels. Dann ging er zu den beiden und stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. »Sagt Ihnen der Name irgendwas, Lohmann?«
Gabriel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
»Wer soll denn das sein? Noch ein Trickexperte?«
»Nein, Lohmann. Das ist der Mann, der sich vor genau 37 Jahren hier in diesem Zimmer erhängt hat, und dessen Beschreibung genau auf den Mann Ihrer Träume, oder soll ich sagen, Ihrer Alpträume passt!«
Gabriel starrte Wandra mit großen Augen und offenem Mund an. Dieser ließ ihm jedoch keine Zeit, sich die Nachricht auf der Zunge zergehen zu lassen.
»So, Lohmann. Und jetzt möchte ich, dass Sie mir etwas über Ihre Kindheit erzählen!«
Gabriel wurde misstrauisch und zog die Augenbrauen tief ins Gesicht.
»Meine Kindheit?«
»Ja, Gabriel!«
»Aber.. Das wissen Sie doch. Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen.«
»Wann kamen Sie dorthin?« Wandras Fragen kamen blitzartig und scharf, wie aus einem Maschinengewehr.
»Mit.. sechs Jahren. Warum?«
»Was ist mit Ihren Eltern geschehen?«
»Das weiß ich doch nicht mehr… Ich weiß nicht… Man sagte mir, sie seien tot!« Gabriel kniff die Augen zusammen und kippte nach vorn. Er presste sich zwei Finger an die Schläfen und flüsterte: »Nein..«
»Was ist passiert, Gabriel?«
»Du darfst das nicht tun, Vati… Du darfst das nicht…«, presste er aus sich heraus. »NEIN!«
»Lohmann! Was darf er nicht? Was darf er nicht tun?«
Strasser war aufgestanden und wich zurück. Dabei starrte er auf die handbemalte Vase, die auf dem Regal heftig zu tänzeln begann. Die Vibrationen schwollen an, das Bild, der Tisch…
»Lohmann! Sie müssen sich erinnern, Lohmann!«
Der Tisch vibrierte, auf ihm klapperte der Aschenbecher. Das Bild schwang sich um den Nagel, an dem es gerade noch ruhig gehangen hatte. Strasser sank in einer Ecke des Zimmers zusammen und kauerte sich eng an die Wand. Das Poltern, die Schläge, die mal kurz, mal lang hintereinander von überall pochten, schwollen zu einem Sturm an, wie ihn dieses Zimmer noch nie gesehen hatte. Die Lampe schwang in großen Kreisen um Gabriel und Wandra, der den Jungen an den Armen hielt.
»Erinnern Sie sich!«
»NEIN!!!« schrie Gabriel und sank wie von einer Kugel getroffen vom Stuhl auf den Fußboden, wo er sich zusammenrollte. Wandra ließ sich zu ihm nieder. Gabriel presste die Hände an die Schläfen und kämpfte verzweifelt gegen die Erinnerungen, die nun aus seinem tiefsten Innern quollen. Myriaden von Gedankenblitzen rasten wild an seinem geistigen Auge vorbei, wobei jede der verblassten Erinnerungen eine grauenvolle Gestalt annahm.
Der Gewittersturm in seinem Kopf trieb ihn an den Rand eines klaffenden Abgrundes. Ein unsichtbarer Orkan fegte gleichzeitig mit einem Hieb die Tassen vom Tisch und schleuderte sie gegen Wandra und Gabriel. Bilder fielen von den Wänden. Unsichtbare Hände zerknüllten das Jimi-Hendrix-Poster und wirbelten es durch die Luft. Aus jeder Ecke schlug, polterte, klapperte und klopfte es, als träten hundert Schlagzeuger in einem Wettstreit gegeneinander an, bis ein markerschütternder Knall das Spektakel beendete und die tausend Scherben der zerborstenen Lampe auf Wandra und Gabriel regnen ließ. Dann war es still…
»Ist vorbei, Gabriel… Es ist vorbei«, beruhigte Wandra das winselnde Kind in seinen Armen.
»Warum hast du das getan, Vater?«, schluchzte Gabriel und klammerte sich an Wandra.
»Was? Was hat er getan?«
»Er hat sich aufgehängt… Im Badezimmer… Ich kam vom Spielen nach Hause…«
»Warum hat er das getan?«
Gabriel bäumte sich auf, stieß einen gellenden Schrei der Verzweiflung aus und brach wankend, wie ein Baum, der vom letzten Schlag des Holzfällers getroffen wurde, unter Tränen und der Last seiner Erinnerungen zusammen. Wandra und Strasser brachten ihn ins Schlafzimmer…
*
Der Psychiater war bis zum Abend geblieben. Er brachte Gabriel das Abendessen ans Bett…
»Wollen Sie mir jetzt davon erzählen?«
Gabriel zögerte und versank für einen Moment in Gedanken, dann begann er stockend seinen Bericht…
»Als ich fünf Jahre alt war, wurde meine Mutter bei einem Autounfall getötet. Wir waren einkaufen und sehr spät dran… Als wir über eine Straße liefen, schoss ein LKW um eine Kurve. Meine Mutter stieß mich in letzter Sekunde zur Seite…«
»Dann haben Sie das alles miterlebt?«
»Ja… Etwa ein Jahr später kam ich eines Tages von einem Spielkameraden nach Hause und ging ins Badezimmer. Dort…« Gabriel schluckte und wischte eine Träne von seiner Wange. »…fand ich meinen Vater. Er hatte sich erhängt. Er hat den Tod meiner Mutter nie überwunden. Er hatte angefangen zu trinken. Er gab mir die Schuld. Einmal hatte er sogar gesagt, wenn sie mich nicht an der Hand gehabt hätte, wäre sie vielleicht noch…« Gabriel brachte kein Wort mehr heraus. Wandra legte die Hand auf seine Schulter.
»Mein Gott, Lohmann. Sie gaben sich also schließlich selbst die Schuld für alles!«
»Ich erinnere mich schwach, nach diesem Vorfall in einer Klinik gewesen zu sein, bevor ich ins Waisenhaus kam. Aber alles ist so verschwommen…«
»Sie hatten einen Schock. Vermutlich gab man Ihnen Medikamente.«
»Ja, aber… Ich verstehe nicht, was das alles mit dem Poltern zu tun haben soll.«
»Ich nannte Ihnen heute den Namen Aaron Vladeck. Er lebte mit seiner Frau und seinem Kind in dieser Wohnung. Vladeck war Halbjude und kam als einer der wenigen Überlebenden aus einem Todeslager zurück zu seiner Familie. Einige Monate nach seiner Heimkehr wurden seine Frau und sein fünfjähriger Sohn von einem LKW überfahren und getötet. Eine seltsame Laune des Schicksals, die ihn zuerst lebend zu Frau und Kind nach Hause brachte und ihm dann doch alles nahm, was ihn im Lager am Leben erhalten hatte. Schließlich erhängte er sich. Hier, in dieser Wohnung, vermutlich genau um sieben Minuten nach elf…«
»Wie haben Sie das herausgefunden?«
»Ihre schwerhörige Nachbarin, Lohmann! Sie wohnt seit ihrer Kindheit hier im Haus.«
»Ich verstehe jetzt, dass Aaron und ich in gewissem Sinne das gleiche Schicksal teilten. Aber warum das Poltern?«
»Irgendetwas in diesem Raum rührte an den verdrängten Erinnerungen in Ihnen. Ein Abwehrmechanismus Ihrer Psyche versuchte sich von diesen unerträglichen Gefühlen zu befreien und verlagerte es ins Außen.«
»Aber wie?«
»Auf diese Fragen gibt es noch keine Antwort. Unsere Wissenschaft ist noch zu jung, um so etwas erklären zu können. Ich könnte anfangen und Ihnen etwas über projektive Identifikationen, pragmatische Information und nichtlokale Korrelationen erzählen…«
»Nein! Bitte, das verstehe ich sowieso nicht. Hauptsache es ist vorbei… Hoffentlich!«
»Es ist vorbei!« Wandra zeigte auf den Wecker auf Gabriels Nachttisch. Es war zehn Minuten nach elf…
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