Er ist eine literarische Erfindung, ein Schattenriss aus Tinte und Imagination. Ein Pseudonym.
Und doch ist er da – mit einer Stimme, einem Temperament und einer Geschichte, die sich tief in seine Texte gebrannt hat.
Wenn es ihn gäbe, würde Bastian Cord in einem kleinen Haus am Rande der Welt leben – irgendwo zwischen Nordsee und Niemandsland, wo die Straßen keine Namen haben und die Möwen klingen wie Gelächter aus einer anderen Zeit. Er wäre ein Nachtarbeiter, ein Kaffeetrinker, ein Mensch mit zu vielen Gedanken und zu wenigen Antworten. Seine Tage begännen spät und endeten oft im Halbschatten eines Satzes, den er nicht zu Ende schreiben konnte.
Cord hätte eine Vergangenheit, über die er nur in Dialogen spricht – wenn überhaupt. Vielleicht war er einmal Musiker, vielleicht hat er einen Hund, der ihn besser versteht als jeder Verleger. Vielleicht war er einmal verliebt – und vielleicht ist er es immer noch, aber auf eine Art, die man nur zwischen den Zeilen begreift.
Er hat keine Social-Media-Profile, aber ein Notizbuch voller ungesendeter Briefe. Keine Preise, aber Leser. Keine Bühne, aber eine Stimme, die bleibt. Er ist Raucher – aus Überzeugung, nicht aus Gewohnheit. Ein Glimmstängel zwischen den Fingern, wenn die Gedanken kreisen. Die Aschespuren auf dem Schreibtisch erzählen Geschichten, die nie aufgeschrieben wurden.
Manchmal braucht es drei Gläser Whiskey, bis er den Schreibtisch verlässt – nicht weil er vergessen will, sondern weil ihn der Schreibtisch sonst nicht loslässt. Er trägt seine Laster wie alte Freunde – er weiß, dass sie ihn nicht retten, aber auch nicht verraten. Was er weiß, steht zwischen den Zeilen. Er spricht es nur nicht mehr laut aus, weil gute Zuhörer viel zu selten sind.
So sehr ihn Menschen faszinieren, so sehr hat er sich von ihnen zurückgezogen. Ihre Widersprüche, ihr Chaos, ihre Verletzlichkeit – all das beobachtet er mit stiller Neugier, aber aus der Distanz. Es gibt nur ganz wenige, die ihn in seinem alten Haus besuchen dürfen. Freunde, die keine Antworten verlangen. Menschen, die wissen, wann sie schweigen müssen – und wann nicht.
Bastian Cord schreibt Geschichten über das, was uns ausmacht – wenn niemand zuschaut.
Über verlorene Sonntage, geflüsterte Wahrheiten und die Momente, in denen das Unfassbare ganz leise durch den Türspalt tritt. Seine Figuren sind ruhelos, fragil, manchmal erschreckend echt – und immer auf der Suche.
Vielleicht ist Bastian Cord am Ende das, was viele von uns täglich leben: ein Entwurf.
Hinter dem Schatten
So viel zu Bastian. Jetzt zu mir.
Mein Name ist Frank. Ich bin der Typ, der sich irgendwann in den späten Achtzigern, Anfang der Neunziger, in den Kopf gesetzt hat, Geschichten zu schreiben. Nicht, weil ich dachte, die Welt bräuchte noch einen Autor. Sondern weil mir Stephen King in die Quere kam. Dieser Mann und seine verdammte Fähigkeit, aus einer Butterpackung im Kühlschrank ein Drama zu machen, das sich liest, als wäre es wirklich passiert. Ich wollte das auch können. Also setzte ich mich hin und versuchte es.
Davor gab es eine Schriftstellerschule. Ein Fernstudium, bei dem man ein Foto von zwei leeren Liegestühlen zugeschickt bekam und daraus eine Kurzgeschichte machen sollte. Was ich ablieferte, war keine echte Story – aber die Studienleiterin war zufrieden. Ich verstand es damals nicht. Meine Freundin schon. Heute verstehe ich es auch: Es waren Gehversuche. Erste Schritte. Und Schritte sind Schritte, egal wie klein.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Ich schrieb wie besessen. Geschichten über das, was mich umtrieb – eine Ex, die mich stalkte, eine Ehe, die zerbrach, die ganz normalen Katastrophen eines Lebens in den Neunzigern. Ich veröffentlichte in Boulevardzeitschriften wie der »Roman-Woche« und »Mach mal Pause«. Die Sprache war damals angepasst – brav, zurückhaltend, ohne derbe Töne. Die Redaktionen wollten es so. Ich machte mit, weil ich veröffentlicht werden wollte. Weil das verdammt nochmal ein geiles Gefühl war.
Irgendwann kam der Bruch mit der Redaktion. Die Chefredakteurin wollte, dass ich wahre Geschichten erfinde – Psycho-Reports, die wie echte Begebenheiten klingen sollten. Ich sagte ihr, dass alle meine Geschichten erstunken und erlogen seien und ich nicht bereit wäre, den Leuten Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Das war's dann. Aber es war richtig so.
Und dann? Dann passierte das Leben. Berufswechsel. Andere Prioritäten. Dreißig Jahre Funkstille. Drei verdammte Jahrzehnte, in denen die Geschichten auf verrottenden Disketten und sterbenden Festplatten schlummerten, eingesperrt in einem Dateiformat, das die Welt vergessen hatte. Ami Pro. Erinnert sich noch jemand? Nein? Eben.
Ich hörte auf zu schreiben. Nicht, weil mir die Geschichten ausgingen. Sondern weil das Leben andere Pläne hatte. Ich wurde Mediengestalter, dann Webentwickler, gründete eine Agentur an der Ostsee und baute Webseiten statt Welten. Aber die Geschichten waren nie weg. Sie saßen in irgendeiner Ecke meines Kopfes und warteten. Geduldig. Hartnäckig. Wie ein alter Hund, der weiß, dass sein Herrchen irgendwann wiederkommt.
Und dann kam ich zurück.
Dreißig Jahre später. Mit einer KI als Werkzeug, die es schaffte, den digitalen Datenbrei aus den Neunzigern wieder lesbar zu machen. Mit mehr Lebenserfahrung, ein paar Narben und der Erkenntnis, dass man Geschichten nicht schreibt, um reich und berühmt zu werden. Man schreibt sie, weil man muss. Weil das innere Wesen raus will. Weil es sonst an den Wänden kratzt.
Bastian Cord ist mein Pseudonym. War er schon damals, weil es irgendwie cooler klang als mein richtiger Name. Bastian ist der Schattenriss, der schreibt. Ich bin der, der hinter ihm steht, die Zigaretten dreht und den Whiskey einschenkt. Wir sind dasselbe und doch nicht. Er darf Dinge sagen, die ich mir im echten Leben verkneife. Er darf das innere Wesen rauslassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und von denen gibt es in den Büchern genug.
Drei Anthologien sind es geworden. »Begegnungen« – das Erstlingswerk, manche Storys einfach gestrickt, manche heute sogar dilettantisch, und trotzdem bin ich stolz darauf. »Menschenfresser und andere Minderheiten« – wo ich zum ersten Mal das innere Wesen wirklich von der Leine gelassen habe. Und »Gestatten: Tod« – wo ich dem alten Bekannten endlich ins Gesicht geschaut habe.
Diese Bücher gibt es nicht bei Amazon. Nicht bei Thalia. Nirgendwo im Buchhandel. Sie sind gedruckt für mich und für die Menschen, die mir etwas bedeuten. Freunde, die keine Antworten verlangen. Menschen, die wissen, wann sie schweigen müssen – und wann nicht.
Warum ich das hier erzähle? Weil es ehrlich ist. Und weil ich es leid bin, etwas anderes zu sein als das, was ich bin: Ein Typ aus Wittenbeck an der Ostsee, der Webseiten baut und Geschichten schreibt. Der sich dreißig Jahre lang eingeredet hat, dass diese Geschichten niemanden interessieren. Und der jetzt feststellt, dass das egal ist. Sie interessieren mich. Und das reicht.
Frank Oschatz, der manchmal Bastian Cord ist – und manchmal einfach nur Frank