Verlorene Liebe

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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Er wusste, dass mit dem Zug auch ein Teil von ihm selbst in die Dunkelheit entschwand. Ratlos kratzte er sich am Kopf. Konnte es sein, dass dieses Teil der alte braune Koffer gewesen war, den er im Zug vergessen hatte?

Dieser Koffer hatte ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Es war das Abschiedsgeschenk seiner Eltern, als sie ihn in das Internat für schwer erziehbare Kinder gesteckt hatten. Seine Schulzeit lebte in ihm plötzlich wieder auf...

Wie er dem Chemielehrer Salz in die Pausenmilch schüttete, wie das erste Mädchen in sein Leben trat, das heißt genau zwischen die Beine. Wie er sie dann an den Haaren durch die Aula schleifte und dabei »Das Wandern ist des Müllers Lust« pfiff, und schließlich der Tag, an dem der Rektor ihn von der Schule verwies, weil er sich weigerte, sich bei der Chefsekretärin zu entschuldigen, der er völlig unabsichtlich in die Brust gekniffen hatte. Letztendlich der Tag, an dem ihm sein Vater den braunen Koffer in die Hand drückte und sagte: »Und nun mach, dass du fortkommst!«

In ihm hatte er seine ganzen Habseligkeiten gehabt. Die schmutzigen Zeitschriften, die Dominapeitsche seiner geliebten Tante Alexis, kurz alles, was ihm lieb und teuer war. Doch nun war der alte braune Koffer unterwegs nach Großbottwar und es war ein seltsam befremdliches Gefühl, für ihn zum ersten Mal in seinem Leben vom Allerliebsten getrennt zu sein.

Alles nur, weil er nicht schnell genug aus dem Zug kommen konnte. Nur weil er diese Frau getroffen hatte. Weil er plötzlich nur noch an das eine dachte. Aber jedem hätte das passieren können. Jedem.

Er hatte keine Chance. Er hatte nie eine Chance gehabt bei dieser Frau, mit einem Lächeln, das Butter zum Schmelzen gebracht hätte. Wer hätte ihr widerstehen können? Die verführerischen Augen, die so unergründlich tief in seine Seele drangen. Niemand hätte dieser Stimme widerstanden, als sie so zärtlich und warm an sein Ohr drang: »Junger Mann, wenn'se mir mal helfen könnten, meinen Koffer zur Taxe zu bringen...«

Er musste der alten buckligen Frau einfach helfen. Sein ritterliches Gemüt verlangte dieses Opfer.

Die Vergangenheit lebte plötzlich wieder auf und er sah sich im Geiste als fünfjährigen Knaben neben seiner Mutter stehen, die ihn anflehte: »Karl-Uwe, hilf mir!«

Damals hatte er seiner Mutter die Hilfe versagt und sie mit einem Wadenkrampf in der Badewanne sitzen lassen, wo sie erst Stunden später vom Vater gerettet werden konnte. Diese tiefe, unbewusste Schuld quälte ihn noch heute.

Aber was mochte sein alter brauner Koffer wohl denken? Er, Karl-Uwe, für den Treue ein so wertvolles Gut war, ließ sich plötzlich mit einem wildfremden Koffer ein! Hatte sein Leben nun noch einen Sinn? Würde sein Koffer ihm jemals verzeihen?

Er musste es herausfinden. Er würde ihm nachfahren, dachte er, und ihm alles erklären. Kein Koffer würde so herzlos sein, seinem Herrn eine zweite Chance zu verwehren. Selbstbewusst schleuderte er die Zigarette auf die Gleise und wollte sich auf den Weg machen, als...

»Hey, Sie da!«

Der Bahnpolizist schritt langsam näher. »Ja genau, Sie meine ich. Was haben Sie da gerade gemacht?«

»Was, wieso ich?«

»Die Zigarette, mein Freund! Sie haben soeben die Zigarette auf die Gleise geschmissen. Das ist Umweltverschmutzung. Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis!«

»Der ist in meinem Koffer!«

»Und wo ist Ihr Koffer?«

»Unterwegs nach Großbottwar!«

»Hä? Erzählen Sie nicht so'n Mist, Mann.« Er packte ihn am Arm. »Mitkommen!«

Und so kam es im größten Unglück noch schlimmer. Karl-Uwe weigerte sich, die Strafe von 350 Mark zu bezahlen, und kam für sechs Monate ins Gefängnis.

Heute noch gibt Karl-Uwe Anzeigen auf und geht mit einem Foto des Koffers durch Kneipen in Großbottwar.

Die wahren Schicksale ereignen sich nicht auf Schlachtfeldern, in Hochsicherheitsgefängnissen oder Peep-Shows. Nein, direkt hier, in unserer Mitte. Das sollte uns zu denken geben.

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