Elfie und Ludwig hatten Gäste geladen. Diese Stelldicheins hatten nicht nur immer denselben Ablauf, auch die Gäste waren immer dieselben. Hans und Frauke, die sich grundsätzlich zerstritten, wenn es etwas zu diskutieren gab, Andrea und Robert, die grundsätzlich als erste die Runde verließen, weil beide immer so gestresst waren, und schließlich Theo und Roland, die ewigen Junggesellen, die anfangs neidisch zu den Pärchen schielten, aber im Verlauf des Abends immer glücklicher wurden, nicht in einer katastrophalen Beziehungskiste zu stecken.
Auch diesmal hielt man den üblichen Ablauf ein. Nach einem üppigen Mahl, – und wehe, es sagte jemand etwas gegen Elfies Kochkünste, – wurde beraten, welchen der beiden Videofilme, die Ludwig besorgt hatte, man sich zu Gemüte führen wollte. Nach dem Film diskutierte man über dessen Qualität und kam schließlich zu dem Schluss, dass der andere bestimmt viel besser gewesen wäre. So geschah es auch diesmal und vermutlich wäre der Abend wie jeder andere auch ausgeklungen, hätte Elfie nicht diese verhängnisvolle Frage ohne Vorwarnung in den Raum geworfen...
»Gehn wir in den Zirkus?«
»Au ja, Zirkus!« Andrea klatschte freudig in die Hände und blickte sehnsüchtig zu Robert.
»Nun gut, und wann?« fragte dieser und schaute zu Frauke und Hans.
»Also wir hab'n keine Lust«, entschied Frauke und es galt, da sie in derart lebenswichtigen Entscheidungen grundsätzlich die Zwei-Drittel-Mehrheit besaß.
»Ich geh' auch nicht!« Roland war strikt dagegen, Theo hingegen überlegte...
»Ich tät schon mitgehn.«
»Also gut, dann gehn wir halt nur zu fünft«, stellte Elfie fest.
»Und wann?« wiederholte Robert seine Frage.
»Also der Zirkus ist bis zum 19. in der Stadt, glaub' ich«, sagte Elfie.
»Also diese Woche sieht's schlecht bei uns aus. Gell, Spatz?« sagte Robert, worauf Andrea schnurrend nickte.
»Und nächste Woche?«
»Ludwig hat nächste Woche Spätschicht, gell? Ludwig!«
»Ja, von mir aus...«, meinte Ludwig in die Illustrierte starrend, und kaute weiter an seinen Fingernägeln.
»Ob du nächste Woche Spätschicht hast?«, fuhr Elfie ihn an und gab ihm einen liebevollen Klaps auf das böse Händchen.
»Nein, diese Woche hab ich Frühschicht!«
»Nächste Woche!«
»Na wenn ich diese Woche Frühschicht habe, dann werd' ich ja nächste Woche Spätschicht haben. Wieso wollt ihr das eigentlich wissen?«
»Zirkus!« trompetete die ganze Runde, worauf Ludwig erschrocken zusammenzuckte.
»Ja, ja, ich weiß. Oder glaubt ihr etwa, ich hör nicht zu?«
»Bleibt also nur noch das Wochenende«, stellte Elfie fest.
»Also wir gehen nicht mit!«, erklärte Hans erneut, und bekam dafür einen verächtlichen Blick von Elfie.
»Euch mein ich ja auch nicht!«
»Wir hätten schon Zeit«, sagte Robert.
»Wir auch! Gell, Ludwig.«
»Von mir aus...«
»Was ist mit dir, Theo?« richtete sich Elfie an ihr Gegenüber.
»Tut mir leid«, meinte er betrübt, »aber da fahr' ich mit Franz und Sabsi an den Gardasee.«
Allgemeine Resignation überschattete die Runde.
»Wir könnten das Abendessen mit Schneiders am Mittwoch absagen«, schlug Andrea vor.
»Toll, und dann sind sie wieder beleidigt«, entgegnete Robert.
»Stimmt auch wieder. Wie wär's mit Dienstag?«
»Dienstag geh' ich Billard spielen.«
»Donnerstag?«
»Schach mit Uli!«
»Diese Woche ist es sowieso ungünstig«, sagte Ludwig.
»Warum denn das? Ich denk', du hast Frühschicht«, wetterte Elfie empört.
»Eben! Ich muss morgens um fünf aufstehen!«
»Wie lange dauert denn so eine Vorstellung?« fragte Elfie.
»Nun, sie fängt um Acht an und dauert mindestens zwei Stunden«, erklärte Robert.
»Dann gehn wir doch in die Nachmittagsvorstellung. Um vier«, schlug Andrea vor.
»Elfie arbeitet doch bis um sieben!«
»Am Mittwoch hab' ich meinen freien Nachmittag, da ging's«, sagte Elfie freudestrahlend, bis sich Theo zu Wort meldete...
»Und was ist mit mir? Ich arbeite am Mittwoch bis um sechs! Warum nicht abends?« Alle schauten Ludwig an.
»Na gut, dann mach' ich eben einen Mittagsschlaf!«
»Und wir fragen Schneiders, ob sie mitgeh'n«, sagte Andrea und schaute zu Robert.
»Schneiders und Zirkus! Zwei Welten treffen aufeinander!«
»Elfie, gib mir bitte eine Kopfschmerztablette«, bat Ludwig und bohrte in der Nase.
»Mein Gott! Macht ihr ein Theater um diesen Scheiß-Zirkus«, rief Roland und zog damit endgültig Elfies Zorn auf sich...
»Halt du dich da raus, du gehst eh nicht mit.«
»Samstag?« fragte Ludwig.
»Theo fährt doch an den Gardasee!«
»Kannst du mir vielleicht mal verraten, warum du jedes Wochenende in der Weltgeschichte rumsegeln musst?« fragte Ludwig vorwurfsvoll, nachdem er den Finger aus der Nase genommen hatte.
»Frag doch Franz und Sabsi, ob sie mitgehn«, schlug Elfie vor.
»Die und Zirkus! Nächste Woche hätt' ich jeden Tag Zeit«, verteidigte sich Theo.
»Ludwig hat Spätschicht!«
»Kannst du dir keinen Urlaub nehmen?« fragte Elfie.
»Doch, klar, natürlich!« meinte Ludwig ironisch und schnippte etwas Kleines von seinem Finger. »Ich kann ja meinen Meister fragen, ob er mitgeht. Oder vielleicht sollte ich einen Verbesserungsvorschlag einreichen: Ist der Zirkus in der Stadt, macht die Firma Urlaub!«
»Witzbold!«
»Dann geht doch einfach ohne mich«, schlug Ludwig vor und popelte weiter.
»Och nö, ohne dich ist es langweilig«, schmollte Elfie.
»Was erwartest du? Dass ich in die Manege springe und Purzelbäume schlage?«
Robert half Andrea in den Mantel, bevor noch jemand anders auf die Idee kommen konnte, als Erster zu gehen.
»Also ich würd' sagen, wir fragen erst mal Schneiders, ob sie mitgehn«, meinte Andrea nebenbei.
»Also dann vielleicht doch am Mittwoch?«
»Theo, falls sie mitgeh'n, kümmerst du dich um die Karten?« fragte Elfie.
»Klar! Welche Plätze soll ich denn nehmen?«
»Nicht die teuersten«, sagte Robert.
»Aber auch nicht die billigsten«, meinte Andrea.
»Und wenn die Vorstellung ausverkauft ist?«
»Wir telefonieren, ok?« schlug Robert ungeduldig vor.
»Würd' ich auch sagen«, stimmte Ludwig zu und wischte sich die Finger an einem Papiertaschentuch ab.
»Soll ich bei euch anrufen, oder bei Elfie und Ludwig?« fragte Theo.
»Bei uns! Und wir rufen dann bei Elfie an«, sagte Andrea.
»Also gut, dann rufen wir bei Theo an«, erklärte Elfie.
»Warum wollt ihr denn bei mir anrufen? Ich ruf' doch schon bei Andrea und Robert an.«
»Was meinst du, Ludwig?«
»Von mir aus...«
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